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Überlieferung und Handwerk

Die Raunächte: Schwellenzeit, Losnächte und der Blick ins Unbekannte

In den zwölf Nächten zwischen den Jahren steht die gewohnte Zeitordnung still und gibt den Raum frei für alte Bräuche des Befragens und Horchens.

Die Zeit außerhalb der Zeit

Die Raunächte entstanden historisch aus der Differenz zwischen dem Mondjahr mit 354 Tagen und dem Sonnenjahr mit 365 Tagen. Diese elf Tage und zwölf Nächte galten den bäuerlichen Gemeinschaften als tote Tage, an denen die Gesetze des Alltags ruhten. Die Spinnräder mussten stillstehen, die Wäsche durfte nicht auf der Leine bleiben und die Fuhrwerke blieben im Schuppen. Man glaubte, dass in diesem Zwischenraum die Grenze zur Anderswelt dünn und durchlässig wurde.

Das Räuchern von Hof und Stall

Das Wort leitet sich mancherorts vom mittelhochdeutschen 'rûch' für haarig oder wild ab, andernorts vom Räuchern der Gehöfte. Mit einer Glutpfanne zogen Bauer und Bäuerin durch Stuben, Kammern und Stallungen, um Mensch und Vieh zu schützen. Verbrannt wurden getrocknete Kräuter des vorangegangenen Sommers, vor allem Beifuß, Wacholder, Alant und Weihrauch. Der beißende Rauch sollte Krankheiten vertreiben und den Stallfrieden über die kälteste Zeit sichern.

Die zwölf Losnächte

Jede der zwölf Nächte galt als Vorzeichen für einen Monat des kommenden Jahres. Man beobachtete akribisch das Wetter, die Windrichtung, den Nebel und das Verhalten des Viehs am Morgen nach der jeweiligen Nacht. Notiert wurden diese Eindrücke oft mit Kreide an den Dachbalken oder auf losen Zetteln in der Stube. War die dritte Raunacht stürmisch, erwartete man für den März raues Wetter und späten Frost.

Horchen an der Wegkreuzung

Ein verbreiteter Brauch war das nächtliche Horchen an Wegkreuzungen oder an den Schwellen der Scheunen. Junge Knechte und Mägde lauschten auf Glockengeläut, Hufgetrappel oder Hundegebell, um daraus Rückschlüsse auf Hochzeiten oder Todesfälle zu ziehen. Die Stille der Winternächte schärfte die Sinne und öffnete das Gehör für kleinste Regungen der Umwelt. Was heute wie Aberglaube anmutet, war damals ein tief verankertes Bedürfnis, der Ungewissheit des Winters Struktur zu geben.